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Charakter - Krankheit ?

Autor Gast
#1 | Gesendet: 23 Jul 2004 13:41
Liebe Betroffene,

wer kann mir sagen, inwiefern sich der CHARAKTER durch die Krankheit geändert hat ?? Ist man der gleiche Mensch - nur "langsamer" ? Oder ändern sich auch Ansichten ? Ist man in der Lage, sich noch um andere zu kümmern, zu lieben ? Oder ist man mit dem Kampf gegen die Krankheit zu sehr beschäftigt ? Ist man noch "ich" danach ?

Würde mich über jede Meinung von Betroffenen freuen.

Viele Grüsse, Denise
Autor Gast
#2 | Gesendet: 23 Jul 2004 15:50
Denise -
schizophrenie ist eine behinderung -
und besonders eine behinderung die das wollen von dem sein , sich geben sehr abstrahieren kann. paradoxien hervorbringt, die ein gesunder nicht nachvollziehen kann.
charakter - ich glaube nicht daran, dass es einen schlechten charakter gibt - es gibt immer eine schablone auf der mensch sich bewegt.
und kranke nehmen auch schutzhaltungen an, die sie kalt für andere anmuten lassen. sind kranke akut krank fehlt es auch an aufmerksamkeit für andere - dann leben sie in ihrer welt und können, nur sehr langsam auch umschalten auf die reale welt.
sie sind gehindert sich angemessen zu äussern. steigt der druck kann es sogar zu aggressionen kommen.
informiere dich übre die erkrankung damit du sie besser verstehst.

ich hatte so eine bekannte die erkrankt war. wenn sie gut drauf war, kamen wir zurecht mit einander, aber doch sehr begrenzt.
war ihr medikament (14 tägige Spritzen) wieder fällig war sie sehr offen - nach der spritze immer so wortkarg, dass nicht ein vernünftiger satz hervorkam und von ihr eine anspannung ausging, die mich sehr schnell flüchten liess. sehr wohl hat sie an solchen tagen mal zum kaffee eingeladen - suchte also auch die gesellschaft. wir machten die letzten jahre immer mal einen ausflug ins grüne, wir zwei alleine, um uns mal auszutreten. mit essen gehen. nun hatte ich in diesem jahr nicht soviel zeit und schon ein schlechtes gewissen, weil ich mich nicht mal zu ostern gemeldet hatte. und danach dachte ich wohl an sie , kriegte aber nicht die kurve. pfingsten erhielt ich eine postkarte - in den kasten geworfen. vorne ein motiv was mich sehr erfreute - hinten stand fein säuberlich mit schreibmaschine getippt drauf die volle adresse und der satz: ich möchte nicht meh belästigt werden.
ich bin noch ganz konsterniert und fragte in einer beratungsstelle nach, was ich denn nun tun solle. abwarten, das seien die paradoxien. pfft.
Autor Kay zum Felde
registriert
#3 | Gesendet: 23 Jul 2004 22:23
Hallo Denise,

ich glaube nicht dass die Krankheit den Charakter des Menschen verändert. Ich glaube, dass die Krankheit ein 'panischer' Akt des Individuums ist erwachsen werden zu wollen. Dafür spricht auch, dass die Psychose meist auftritt, wenn Beziehungen im Spiel sind. In Liebesbezeihungen muss man erwachsen sein um diese durchzustehen.

Das sehe ich bei mir. Ich bin durch eine Psychoanalyse, die ich mit Hilfe des Therapeuten an mir durchführe schon wesentlich erwachsener als vor 10 Jahren. Ich bin jetzt fast 41. Ich bemerke, wie meine Umwelt mich ganz anders wahrnimmt als noch vor einigen Jahren.

Gruss Kay
Autor Gast
#4 | Gesendet: 25 Jul 2004 01:13
Ich habe mich durch die Krankheit schon verändert, schließlich war sie ein tiefgehendes Erlebnis. Ich bin reifer geworden. Natürlich kann ich noch lieben:-). Das konnte ich auch während der Krankheit. Ich war immer ich, nur die Wirklichkeit, in der ich mich befand schien sich verändert zu haben. In dieser veränderten Wirklichkeit versuchte ich zurecht zu kommen und das sah für die Gesunden, bei denen noch die alte Wirklichkeit war, etwas merkwürdig aus. Aber ich reagierte auf die veränderte Wirklichkeit nur so, wie es mir und meinem Charakter entsprach. Ich hätte nie auch nur einer Fliege etwas zuleide tun können, denn das entspricht mir einfach nicht, egal ob krank oder gesund.
Autor Talita
Gast
#5 | Gesendet: 6 Aug 2004 02:10
Salü Denise!

Die Krankheit hat mich zum positiven verändert. Wo ich vorher eher misstrauisch war und für andere merkwürdig, bin ich nun hingegen zugänglicher und offener gegenüber andern geworden.
Es hat mich umgänglicher und verständnisvoller vielem gegenüber gemacht, wo ich früher viel oberflächlicher war. Wie Kay schon oben gesagt hat, habe ich auch viele Rückmeldungen von Aussen bekommen, dass ich erwachsener geworden bin. Meine Charakterzüge habe ich insgesamt alle mehr oder weniger beibehalten oder sie mir wieder zurückerobern können. Und interessanterweise kann ich nun ungeniert viel kindlicher sein
als zuvor, wo ich mich geängstigt hätte (und so unbedingt als obererwachsen gelten wollte), dass das als zu kindisch abgetan werden könnte. Solche nützlichen und guten Eigenschaften wie Neugierde und Lernbegierde oder so habe ich mir hinterher wieder erschliessen können, als ich mich wieder besser konzentrieren konnte. Nachdem der gröbste Schub vorbei war.
Lieben, hm, das ist wohl ein grösseres Projekt das ich im Angriff nehmen war und bin, wohl eins meines grössten. Ein wichtiges Thema fürs Leben, genauso für die andern Nichtbetroffenen, wette ich. In anbetracht unseres unvermeidlichen Todes, der uns, fairerweise allesamt, irgendwann erreichen wird, wird die Liebe umso kostbarer und wir sind quasi gezwungenermassen etwas netter im Umgang miteinander. Oder nicht?

Liebe Grüss,

Talita (ich!)
Autor Laura
registriert
#6 | Gesendet: 6 Aug 2004 06:40
Hallo, Denise!

Gegen die Leute, die Du hier im Forum triffst, kann Dein Vater, den es schwerer erwischt hat, nur alt aussehen. Aber ich bin als Betroffene auch nicht immer verständig, solidarisch und edelmütig gegenüber Schwerkranken, wenn sie unverschämt werden, das gilt auch für meinen Umgang mit Depressiven und Borderlinern, die immerhin nicht in der Gefahr sind, in eine andere Welt abzudriften.

Jedenfalls gehen die Unterschiede unter den Schwerkranken weiter. Da gibt es welche, die noch recht kontaktfreudig sind und andere, die am liebsten für sich sind, manche sind spendabel, andere schnorren ständig usw. Ausgesprochene Nervensägen kenne ich nur in der absoluten Minderheit, das sind eher Betroffene, die geistig eigentlich noch fit sind, die aber absolut nicht mit dem Stigma umgehen können und die zu sehr auf die Krankheit fixiert sind, hoffnungslos resigniert haben und die, wenn es noch besser kommt, meinen gerade in den Psycho-Kreisen ungestraft anderen auf den Wecker gehen zu dürfen.

Es gibt Wohnheime für psychisch Kranke, die einmal im Jahr einen Tag der offenen Tür anbieten oder regelmäßig Kaffee- und Kuchentreffs veranstalten, zu denen auch Leute von draußen hinkönnen. Vielleicht solltest Du Dich mal in so einem Wohnheim umschauen, was es alles an schweren Krankheitsgraden gibt und wie Dein Vater im Vergleich dazu dasteht. Vielleicht, wenn Du solche Menschen mal in großer Zahl kennen lernst, verstehst Du besser dass schizophren nicht gleich schizophren ist und dass auch Schwerkranke ihre netten Seiten haben. Ich habe mal ein Jahr in so einem Wohnheim gewohnt. Die Atmosphäre war superdeprimierend, aber die vielen, die schlimmer betroffen waren als ich und kaum Hoffnung hatten, jemals wieder selbständig leben zu können, haben mich oft positiv überrascht. Da kann jemand zwar den ganzen Tag dummes Zeug schwätzen, aber noch erstaunlich schlagfertig sein. Was übrigens Geld angeht, so kann ich Dir zustimmen, dass Leute, die sonst nicht mehr allzu helle sind, gerade da erstaunlich schlau sein können.

Viele Grüße

Laura
Autor Denise
registriert
#7 | Gesendet: 6 Aug 2004 11:37
@ Laura:

Das ist ja ein Supertipp ! Das werde ich mal machen. Ich wußte gar nicht, dass man so ein Wohnheim mal besuchen darf. Dachte, sonst würden sich die Bewohner vielleicht doof fühlen. Aber das ist eine gute Sache, zumal ich mich informieren kann, was denn wäre, falls mein Vater mal wirklich nicht mehr für sich sorgen kann.

Danke.
Autor Genny
registriert
#8 | Gesendet: 1 Okt 2004 19:42
Hallo Denise
also bei mir war das so das ich dauernd wechselnd überzeugt war wer anderes zu sein , ich hab dann immer meine umwelt gefragt ob ich der und der sei oder hab mich in dem moment so verhalten wie der für den ich mich gehalten habe, und selbst hab ich mich oft gefragt wer ich eigentlich bin bzw. wer ich mal war und ob es diejenige noch gibt erst jetzt und mit dem richtigen medikament bin ich wieder so wie ich vorher war mit meinen eigenheiten und charakterzügen, in der psychose war ich schon verliebt aber eben wieder in eine irreale vorstellung von jemandem also in die person die ich einer anderen person angedichtet habe. aber gefühlsmäßig war da dauernd eine völlige verwirrung und unwillkürlichkeit.ich kann gar nicht sagen ob mein charakter so wie er ist ,vorhanden war , ich glaube in bruchteilen schon aber ,wie man auf andere wirkt ist wieder was anderes weil man sich ja geistig meistens in anderen realitäten befindet und sich in seinen gedankengängen verwickelt. oft ging es mir auch so das ich logische dinge oder wenn mir jemand inhalte entgegengebracht hat ich gar nichts verstanden habe, alle eindrücke die ich hatte ,hatten eine andere ganz persönliche logik die mit der realität nichts zu tun hatten. und wenn es dabei berührungspunkte mit der realität gab , muß das für die aussenstehenden ziemlich grotesk gewirkt haben .aber ob das jetzt nur bei mir so war oder wie es anderen dabei so geht kann ich nicht beurteilen.
l.g. Genny
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