eischa, kann es sein, dass nun so einiges in Dir hochkommt, was in Eurem Familienleben jahrelang schief gelaufen ist und was man bei Euch in der Familie nie gewagt hat, auszusprechen? Auf mich wirken Deine Postings so, als sei da ein Kartenhaus für Dich eingebrochen. So als ob lange Zeit aus lauter Ängstlichkeit die Harmonie innerhalb der Familie mit Zähneknirschen und Stillhalten gerade noch so aufrecht erhalten wurde und nun - ungerecht wirkend - die Bombe geplatzt ist und nicht nur alles ganz anders gekommen ist, als geplant, sondern dass es auch früher nie so war, wie es hätte sein sollen. Du kannst nur etwas für Deinen Sohn tun, wenn es Dir selbst gut genug dafür geht. Und vielleicht wäre es im Moment der bessere Weg, einfach mal über Deine Probleme mit Deinem Mann nachzudenken. Da wirst Du auch nicht von heute auf morgen auf eine tolle Erkenntnis kommen oder Dich möglicherweise wieder in einem Gemisch aus Schuldgefühlen und Wut verstricken, weil Du nicht verstehen kannst, wie auch das Dir widerfahren konnte, dass Du und Dein Mann keine wirklich glückliche Ehe hattet bisher. Nun, wenn Du im Moment einfach feststeckst und alles wehtut und Dir auch jedes eigene Reflektieren/Psychologisieren nur weh tun würde, dann lenk Dich mal ab so gut Du kannst. Erlaube Dir mal, Dir nicht den ganzen Tag Sorgen zu machen oder wenn's sein muss, überwinde Dich dazu, Dich mit etwas zu beschäftigen, dass Dich mal für ein Weilchen von Deinen Sorgen ablenkt.
Dass die Sozialarbeiterin Dir einen Vorwurf gemacht hat, ist zunächst deswegen, weil sie aus beruflichen Gründen nun für Deinen Sohn da sein muss. Du weißt nicht, worüber die beiden mit einander gesprochen haben und ob nicht vielleicht auch Dein Sohn ihr gegenüber etwas Kritisches über Dich geäußert hat. Sie ist jetzt halt auf der Seite Deines Sohnes. Du brauchst halt noch Übung darin, Deinem Sohn auch mal nein zu sagen. Du musst nicht gleich beim ersten Mal den richtigen Ton treffen.
Du brauchst auch unsere Ratschläge, von denen hier schon viele verschiedene auf Dich eingeprasselt sind, nicht aus Gehorsam oder aus Liebe zu befolgen. Einen Rat kann man immer geben, wenn man darum gebeten wird. Ob dieser Rat zum Erfolg führt, kann man aber vorher nicht wissen. Es kann Dir keiner abnehmen, dass Du immer wieder was ausprobieren musst und selber entscheiden musst, was jetzt das Beste sein könnte. Auch mein Rat, dass Du Dich mal näher mit Deiner Ehe befasst, könnte falsch sein oder zum falschen Zeitpunkt ausgesprochen.
Was wir, die wir ja Erfahrung damit haben, uns von wildfremden Menschen beraten und helfen lassen zu müssen, ganz schnell lernen müssen, ist einfach mal zur Ruhe zu kommen und uns das auch selbst zuzugestehen. Und es gibt auch in Psychokliniken immer wieder direkte und indirekte Warnungen und Einmischungen, dass wir uns nicht zu sehr um andere Leidende kümmern dürfen, wenn es uns doch selbst schlecht geht. Wenn man selbst sehr bedürftig ist, dann kann man halt mal nicht viel geben. Daran ist nichts Böses. Was könntest Du in Deinem Zustand im Moment für Deinen Sohn tun? Wenn er es bisher nur so gekannt hat: Egal, was ich tu, Mutti verzeiht mir sowieso, dann könnte es ja auch für ihn ganz heilsam sein, Deine Mutterliebe nicht überzustrapazieren. Wenn da im Moment Spannungen zwischen Euch sind, dann ist es besser, diese erstmal so stehen zu lassen und später, wenn sich die Lage beruhigt hat, wieder erneut auf einander zuzugehen.
Damit müssen wir psychisch Kranken, zu denen Du Dich ja jetzt auch mehr oder weniger dazurechnest, auch mühsam arrangieren, dass wir unseren eigenen Ansprüchen, auch was das Helfen und das Liebevollsein angeht, nicht mehr so gerecht werden können. Aber irgendwas musste an diesen Ansprüchen an sich selbst auch nicht ganz richtig sein, denn sonst wären wir vielleicht gar nicht erst krank geworden. Die Stärke in einer schwachen Phase ist von anderer Qualität als die Stärke, wie sie sich sonst präsentiert. Du hast getan, was Du konntest, wahrscheinlich bist Du sogar schon früher immer wieder über Deine Kräfte hinausgegangen und hast Dich, weil Du vielleicht ein eher ängstlicher Mensch bist, der nicht gut mit Widerständen umgehen kann oder weil Dein Mann vielleicht sowieso auf niemanden hört, lange selbst verleugnet. Und jetzt ist es nicht nur die Sorge um Deinen Sohn, die Dich runterzieht, sondern einfach all der frühere Kummer, den Du lange unterdrückt hattest und den Du wie mit Wandfarbe übermalt hast.
Ich könnte Dir den Vorschlag machen, Dich um Dich selbst zu kümmern, damit Du Dich besser um Deinen Sohn kümmern kannst. Dieses Argument würde Dich vielleicht am ehesten überzeugen. Aber Du bist nicht nur Mutter, nicht nur Ehefrau, Du hast auch Dein eigenes Leben, das auch seinen Platz außerhalb der Familie haben sollte. Dein Sohn ist jetzt erwachsen. Er ist jetzt zwar hilflos, aber kein hilfloses Kind, sondern ein hilfloser junger Erwachsener. Und einen Erwachsenen kann man nicht so auf die Schnelle trösten wie ein Kind. Ein Erwachsener ist auch nicht so harmlos wie ein Kind.
Und Du solltest zu einem Gleichgewicht finden zwischen Deinen Selbstvorwürfen und Deiner Enttäuschung. Sich selbst Fehler einzugestehen ist ein Zeichen von Größe und Stärke und bedeutet noch lange nicht, dass man auf ganzer Linie versagt hätte. Anderer Leuts Kinder landen auch in der Forensik. Weiß der Kuckuck, wie das gekommen ist. Aber Hauptsache, dieser lange Frust geht ab jetzt nicht mehr so weiter. Dass der Anfang des neuen Weges sehr beschwerlich sein kann, wird Dir niemand in Abrede stellen. Du brauchst für Dich auch ein bisschen Glück und Dein Sohn muss auch seine Lektion lernen, um seinen Lebenswandel zu bessern.
In meiner Kindheit wäre es übrigens besser für mich gewesen, wenn meine Eltern ein bisschen mehr auf sich selbst geachtet hätten und nicht mich zum Mittelpunkt ihres Lebens auserkoren hätten. Das taten sie aber, weil sie irgendwann nicht mehr so furchtbar viel miteinander anfangen konnten. Sie haben nicht die schlechteste Ehe geführt. Immerhin haben sie auch in schwierigen Zeiten zusammengehalten. Aber insgesamt war unsere Familie doch mehr eine Überlebensgemeinschaft denn eine Lebensgemeinschaft. Fröhlich ging es bei uns nicht gerade zu. Man sorgte halt für einander und wollte seine sichere Burg in der "feindlichen" Welt haben.
Viele Grüße
Laura |