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Meine Geschichte

Autor Amalaswintha
registriert
#1 | Gesendet: 25 Jun 2012 14:20
Liebe Leute,

Ich bin neu im Forum und möchte gern kurz was über mich erzählen.
Mit 24 Jahren bekam ich zu, ersten mal die diagnose "Schizoaffektive Psychose". Damals war ich wahnhaft in einen älteren Arbeitskollegen, den ich auch stalkte, verliebt und versuchte mich umzubringen. Ich war 3 Monate in der Psychiatrie,es war für mich eine fremde, seltsame Welt, die mich tief erschüttert hat. Nie wieder wollte ich dahin - das ist mir auch bis zum heutigen Tage gelungen. Nachdem ich wieder draußen war, müsste ich viele Kontaktabbrüche erleben. Viele Menschen, vor allem Verwandte, kamen damit nicht klar und mieden mich. Mir ging es rasch wieder schlecht, ich hörte stimmen, fühlte mich verfolgt u d bekam schließlich Haldol, was eins der schlimmsten Dinge war, die ich je erlebt habe. Ich dachte, ich stünde unter Drogen. Arbeiten konnte ich damit auch nicht, behielt aber meine stelle, da ich im öffentlichen Dienst war. Dann machte ich auch eine Psychotherapie und mir ging es besser. Nach 3 oder 4 Jahren war diese Krisenzeit zuende, ich heiratete und bekam zwei Kinder.

Vor vier Jahren, so um meinen 40. Geburtstag herum, brach leider die Krankheit wieder aus. Ich fühlte mich beeinträchtigt, von Nachbarn verfolgt, glaubte, die Polizei wollte mich verhaften, weil ich Opfer eines Komplotts geworden bin. Ich erlebte alles als "für mich gemacht" , konnte nicht mehr schlafen, erlebte die umwelt als seltsam "ver-rückt". Nachts lief ich stundenlang durch die Straßen, hatte tiefste Depressionen und dachte immer stärker als Selbstmord. Mein Mann brachte mich schließlich zum Arzt, der wieder die o. G. Diagnose stellte. Allerdings fand ich ihn viel angenehmer als meinen Arzt vor 20 Jahren, da er mir nicht sofort mit einer Zwangseinweisung drohte und auch mal zuhören konnte. Ich bekam verschiedene Tabletten, die ich z. T. Nicht so gut verträgen habe und bin jetzt bei 10 mg Abilify Und 75 mg Venlafaxin. Seither sind meine Beschwerden verschwunden. Zwischendurch hatte ich immer mal wieder die Tabletten abgesetzt in der Hoffnung, wieder gesund zu sein und bekam jedesmal eine. Rückfall. Jetzt Freunde ich mich mit dem Gedanken an, vielleicht für immer Medikamente nehmen zu müssen.
Es hat mich schon tief beeindruckt u d innerlich erschüttert, eine psychose zu haben und diese für mich heute sehr wunderlichen Vorstellungen entwickelt zu haben. Ich glaube fest, dass es nicht nur sinnlose fehlfunktionen des Gehirns sind, sondern dass es auch Botschaften des unterbewussten sind, die von schlimmen Erfahrungen in der Kindheit und Jugend herrühren. Im Moment mache ich wieder eine Psychotherapie, doch es sind wenige Fachleute dazu bereit, über psychoseinhalte zu sprechen. deshalb ist es für mich wichtig, mich einmal mit Menschen auszutauschen, die ähnliches erlebt haben, denn es ist immer noch ein Tabu, in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen, was ich auch tunlichst vermeide. In meinem Kopf ist immer, dass ich anders als andere bin u d irgendwie schäme ich mich, obwohl das ja Unsinn ist.I
In der Hoffnung auf interessante Diskussionen verbleibe ich

Amalaswintha

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Autor KeinName
registriert
#2 | Gesendet: 25 Jun 2012 14:51
Hallo Amalaswintha,

Amalaswintha:
... bekam schließlich Haldol, was eins der schlimmsten Dinge war, die ich je erlebt habe. Ich dachte, ich stünde unter Drogen.

mehr als berechtigt hast du das gedacht, denn Psychopharmaka - wie alle anderen psychoaktiven Substanzen - sind nichts anderes als Drogen. Schade eigentlich, dass das Deutsche im Gegensatz zum Englischen hier eine Unterscheidung zwischen "Arzneimitteln" und "Drogen" macht.

Amalaswintha:
Ich glaube fest, dass es nicht nur sinnlose fehlfunktionen des Gehirns sind, sondern dass es auch Botschaften des unterbewussten sind, die von schlimmen Erfahrungen in der Kindheit und Jugend herrühren.

Das glaube ich auch. Neben Erfahrungen in der Kindheit und Jugend halte ich ebenfalls mehr oder weniger aktuelle, individuell traumatisierende Erfahrungen als Erwachsener für weitere auslösende Faktoren für das, was Psychiater als "Schizophrenie" bezeichnen.

Amalaswintha:
Im Moment mache ich wieder eine Psychotherapie, doch es sind wenige Fachleute dazu bereit, über psychoseinhalte zu sprechen.

Entschuldige bitte meinen Zynismus: ist es nicht toll, wie einem mit diesen sogenannten Psychoseinhalten geholfen wird? Da, wo Fachleute am meisten gebraucht werden, fehlen sie meistens einfach, weil alle unglaublich viel Angst vor diesem Ding haben, das sich da "Schizophrenie" nennt, total super.

Viele Grüße, KeinName
Autor depalma
registriert
#3 | Gesendet: 25 Jun 2012 15:10
@Amalaswintha: Vielleicht hat es auch einen triftigen Grund, dass sich viele Ärzte nicht mit den Inhalten deiner Psychosen befassen wollen. Mir ging es zumindest so: Wenn ich während meiner stationären Aufenthalte über diese Inhalte geredet habe, verfestigten sie sich umso mehr, und der Weg hinaus aus der akuten Phase war überaus beschwerlich.
Wenn ich hingegen nicht darüber redete, wurden sie auch schnell unwichtiger.
Deshalb hatte ich dann mit meinem Arzt eine Übereinkunft, dass wir uns nur den praktischen Seiten der Krankheit widmen. Das funktioniert bis heute recht gut.
Bin seit fünfeinhalb Jahren praktisch beschwerdefrei, arbeite in Vollzeit und denke nur noch selten an meine Wahnideen aus der akuten Zeit. Meistens bin ich so in meinen Alltag eingespannt, dass ich gar keine Zeit mehr habe, mich meinen damaligen psychotischen Episoden zu widmen - und das waren immerhin drei innerhalb von vier Jahren.
Autor MyLoveSigns
registriert
#4 | Gesendet: 25 Jun 2012 15:20
Amalaswintha:
deshalb ist es für mich wichtig, mich einmal mit Menschen auszutauschen, die ähnliches erlebt haben, denn es ist immer noch ein Tabu, in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen, was ich auch tunlichst vermeide. In meinem Kopf ist immer, dass ich anders als andere bin u d irgendwie schäme ich mich, obwohl das ja Unsinn ist.I
In der Hoffnung auf interessante Diskussionen verbleibe ich

Dann herzlich Willkommen,

hier erwartet Alttägliches, Interessantes, Kurioses und Wahnhaftes.

Ich bin gespannt auf Deine Themen.

Liebe Grüße.
Autor Malwina
Gast
#5 | Gesendet: 25 Jun 2012 16:37
hallo AmaLASWINTHA;

ich bin auch der Ansicht, die Psychoseinhalte bedeuten etwas;
wie du bin ich schizoaffektiv diagnostiziert und habe auch nie Ärzte oder Therapeuten getroffen, die mit mir über die Inhalte sprechen wollten....
es geht eigentlich immer nur um das "Schnell wieder funktionieren"
die Psychiatrie ist ein Reparaturbetrieb; der möglichst schnell das defekte Zahnrädchen auswechseln möchte.
Ich hoffe, dass ich eines Tages die Psychoseinhalte verstehe und dass ich dann kreativ sein werde.
Ich glaube, die Kreativität ist die einzige Möglichkeit der Verarbeitung.
Wenn man sie mit anderen teilen kann, dann ist man reich.

liebe Grüße Malwina
Autor Maja30
registriert
#6 | Gesendet: 25 Jun 2012 19:18
Hallo Amalaswintha,

ich finde deine Geschichte ist sehr interessant, es gibt einige parallelen zu meinem Erlebten. Auch ich litt unter dem sogenannten "Liebeswahn".( es kam gott sei dank nicht zum stalking, war kurz davor). Der Mann war über 20 Jahre älter als ich. Hatte das Gefühl ich wäre was "Besonderes", dachte ich werde verfolgt und abgehört. Nehme auch Abilfy und Venfalaxin,(sind bisher die besten Medis). Habe auch immer das Bedürfnis anderen davon zu erzählen, aber die " Gesunden" nehmen das doch ganz anders auf. Wenn ich davon erzähle lasse ich den "Liebeswahn", meistens weg, weil ich mich dafür schäme. In meiner Psychotherapie haben wir öfters über die Inhalte meiner Psychose gesprochen, was mir auch ganz gut getan hat. Bin aber auch von alleine drauf gekommen, warum die Psychose ausgebrochen ist ( zuviel Stress auf der Arbeit). Der Psychoseninhalt lässt sich auf einen "Vaterkomplex" zurückführen, da mein Verhältnis zu meinem Vater recht angespannt ist. War schon immer ein sensibler Mensch und konnte mit Stress nicht umgehen...Versuche dennoch möglichst offen mit der Krankheit umzugehen, Leuten die ich mag erzähle ich von meiner Krankheit. Habe aber auch schon negative Erfahrungen gemacht, " das mit der was nicht stimmt, wusste ich schon immer", usw. Komme aus einer Kleinstadt und phyische Krankheiten sind bei uns leider noch TABUTHEMA... Echt schade...
Autor susanne schreiber
registriert
#7 | Gesendet: 30 Jun 2012 02:46
Hallo Leute,

als ich das von Amalaswintha gelesen habe, dachte ich sie schreibt über mich erschreckend. Liebeswahn, im öffentlichen dienst, die gleichen Symtome und die selben medis, auch mit 24 ist es bei mir ausgebrochen in der Studienzeit während meiner ausbildung im öffentlichen dienst. Finde es gut euch hier gefunden zu haben die das auch erlebt haben. Ich möchte auch eine Psychotherapie machen um alles zu verarbeiten!
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