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nicht krank aber verrückt

Autor gelberhund
registriert
#1 | Gesendet: 4 Nov 2012 19:13
Wenn ich mich selbst so untersuche komme ich mir weniger "krank" als vielmehr irgendwie "verrückt" vor. Verrückt in dem Sinne daß ich mich ver-rückt habe, also daß ich aus dem normalen menschlichen Denksystem in vielerlei Hinsicht herausfalle.

Etwa meine ganzen religiösen Anwandlungen, die interessieren normale Menschen meistens kaum. Mein Nachdenken über den Tod das ich schon in der Jugend begonnen habe, auch das trifft man selten.

Unter Krankheit verstehe ich eigentlich eine Infektion, einen Krebs, usw, eine richtige Funktionsstörung des Körpers die sich dann irgendwie kritisch bemerkbar macht. Jedoch - ich fühle mich nicht krank, auch wenn ich oft merke daß ich nicht so leben kann wie ein gesunder Mensch. Aber meine Andersartigkeit ist eher eine Verrücktheit als eine Krankheit, ich passe nicht richtig hierher.

In all den langen Jahren mit der Schizophrenie war es mein bleibender Eindruck daß gar kein großes Interesse der Leute an mir bestand. Niemand fragte sich, woran denkst du, womit beschäftigst du dich, was treibt dich um? Selbst in der Kirche erlebe ich diese große Interesselosigkeit am anderen Menschen. Dabei ist doch Interesse eine Art von Liebe. Jedoch alle Menschen wollen entweder in den normierten Alltag hinein und reden nur vom Alltag, oder sie wollen in eine normierte Aufregung wie einen Kinofilm, und dann war es das auch schon.

Ich habe den Eindruck, viele Menschen leben gar nicht richtig, die Grundfragen des Lebens berühren sie nicht. Meine 50jährige Schwester hat soviel Angst vor dem Tod wie ein kleines Kind. Als mein Vater starb konnte mein 50jähriger Schwager gar nichts dazu sagen. Ich sprach von den religiösen Antworten auf den Tod, doch selbst das war nicht erwünscht, nicht einmal irgendein Nachleben halten die Leute für möglich.

Da ist dann wieder der Gedanke ... wer ist denn nun so verrückt, ich oder die anderen? Ich bin einerseits verrückt weil mich das sogenannte normale Leben wie es in den Medien erscheint nicht mehr interessiert, die anderen sind verrückt weil sie wie Roboter durch die Landschaft laufen und durch sie herumgeschickt werden ohne überhaupt ein Gefühl für den Lebenssinn zu haben und worum es im Leben geht ... für sie geht es nur um das Notwendige, um die Arbeit und das Geld und die Familie. Vielleicht bin ich etwas zu hart in meinem Urteil, ich will auch niemanden anklagen... aber mir scheint oft als wären die Leute in einer Angsttrance, man darf zu niemandem von der Religion sprechen weil es eigentlich ein geheimes Übereinkommen gibt daß die Religion versenkt werden soll weil sie ja niemand mehr braucht.

Am Ende ist wohl alles ver-rückt ... aus dem Lot gebracht, disharmonisch, unnatürlich, gekünstelt, geschauspielert, verzerrt usw. Nur ... das Geld fließt noch reichlich, deshalb halten sie alle still.
Autor Malwina
Gast
#2 | Gesendet: 5 Nov 2012 18:16
hallo gelber Hund,

ein schöner Beitrag, du sprichst mir aus der seele. ich war als Kind auch schon so interessiert an den letzten fragen, wenn ich auch meine antworten nicht in der Religion gefunden habe.

liebe Grüße malwina
Autor dorje
registriert
#3 | Gesendet: 5 Nov 2012 18:38
@gelber Hund:Die meisten Leute interssieren sich nicht mehr für Relgion oder den sinn des Lebens.Erst wenn das Schicksal zuschlägt wird manch einer nachdenklich und stellt den Kreislauf der Gesellschaft in Frage.
Andererseits bekommen manche Angst wenn sie von übersinnlichen erfahrungen und Spiritualität erfahren.
Jeder hat halt sein weltbild,was da nicht reinpasst wird meistens abgelehnt.
Grüße dorje
Autor Amalaswintha
registriert
#4 | Gesendet: 5 Nov 2012 19:17
Hallo gelberhund,

ein sehr interessanter Beitrag!
Ich finde auch, dass die meisten Menschen sehr oberflAchlich sind und kein Interesse an spirituellen oderSinn-Fragen haben, sodass ich mir damit in meiner Umgebung schon sehr als Exot vorkomme. Was kaufe ich mir als nächstes? Um diese Frage dreht sich bei vielen alles. Die menschen meinen, sich glücklich kaufen zu müssen und sind i nnerlich total leer.
Ich denke, durch eine psychische Krankheit oder Krise wird man nicht sensibler, man ist es von vornherein u d diese Dünnhäutigkeit ist Voraussetzung für die Krankheit. Manchmal eiss ich nicht, ob es ei Fluch oder Segen ist- vielleicht eine Mischun g aus beidem. Jedenfalls bin ich froh, dass ich nicht mit dem Mainstream mitschwimme, wenn es mich auch einsam macht.
Krankheit und Tod sind auch so ein Tabu, über das niemand sprechen will, weil es die gute Laune bremst. Mein Schwager verlässt jedesmal den Raum, wenn bei Familientreffen das Gespräch darauf kommt. Das macht mich richtig sauer. Viele Leute leben in einer Welt totaler Verdrängugng, da frage ich mich manchmal schon, wer hier verrückt ist.

Gruss, Amalaswintha
Autor Svenja Bunt
registriert
#5 | Gesendet: 6 Nov 2012 13:06
Hallo Gelberhund,

sehr interessant! Meines Erachtens handelt es sich doch um eine Krankheit, aber sie produziert Inhalte und führt zu ungewöhnlichen Gedanken und Interessen. Und das ist dann die Ver-rückung im Gegensatz zum Normalen. Viele von uns finden ihren Weg auch mit dieser Erkrankung. Aber ausgesucht hat man es sich nicht, oder? Und als junger Mensch hatte man oft Träume für sein Leben, die krankheitsbedingt nicht in Erfüllung gegangen sind.

Also ich glaube: krank und ver-rückt.
LG Svenja
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